So ein Stiefel
Klaus Santer, der Weihnachtsmann, stand an einem Stehtisch am Christkindlmarkt. Seine Hände umklammerten einen Porzellanstiefel, gefüllt mit gepanschtem Punsch. Ein paar Tage noch, an denen er wichtig war, dachte er. Und dann würde sich wieder elf Monate lang niemand für ihn interessieren.
„Sechs Euro für das picksüße Gesöff! Und fünf Euro Einsatz für das kitschige Häferl!“, riss ihn jemand aus seinen Gedanken. „Wer soll sich das leisten können? Ist da noch frei?“
Santer nickte.
„Prost, Weihnachtsmann“, prostete der Mann ihm zu und nahm einen kleinen Schluck. Bei einem mächtigen Schluck wäre das Häferl sofort leer gewesen.
„Frohe Weihnachten“, sagte Klaus Santer und hob seinen Stiefel.
Der Mann schüttelte den Kopf. „Oh nein, das werden keine frohe Weihnachten dieses Jahr! Ganz und gar nicht.“
„Das tut mir leid“, sagte der Weihnachtsmann, fragte aber nicht nach. In den Wochen vor Weihnachten hörte er so viele traurige Geschichten, dass er sie manchmal nicht mehr ertragen konnte. Er war auch nur ein Mensch mit Gefühlen. In diesem Jahr war es besonders schlimm. So viele Menschen, die beim Hochwasser alles verloren hatten und sich nichts sehnlicher wünschten als wieder in einem wohnlichen Zuhause zu leben. Vor ein paar Jahren war er ins Burnout geschlittert, weil die Arbeit immer mehr wurde, die Anerkennung aber immer weniger. Und weil ihm die Schicksale immer mehr zu Herzen ginge. Er wollte nicht, dass ihm das wieder passierte.
„Ich bin der Robin“, stellte sich der Mann vor.
„Hood?“, fragte Santer.
„Eher Wood“, sagte Robin. „Holzbauer.“
Und dann beginnt Robin, ganz ohne dass Santer danach gefragt hatte: „24 Jahre lang hab ich mir den Arsch aufgerissen in der Bude!“, erzählte er und Santer zuckte angesichts der derben Ausdrucksweise zusammen. Schließlich waren hier jede Menge Kinder, die an kandierten und schokolierten Früchten naschten. Die sollten von Fäkalsprache bewahrt werden.
„Und jetzt?“
„Jetzt bin ich hacknstad. Also arbeitslos.“
„Schon gut, ich versteh dich, obwohl ich die finnische Staatsbürgerschaft hab“, sagte der Weihnachtsmann. „Wie ist das gekommen?“ Er konnte nicht anders, als Interesse und Empathie zu zeigen. Das gehörte zu seiner Jobbeschreibung.
„Ich hab bei einem großen Motorradhersteller gehackelt“, erzählte Robin. „Und der ist bankrott.“
Davon hatte Santer in der Zeitung gelesen.
„Aber die Aktionäre und der Chef haben sich vorher noch die Taschen vollgestopft und fette Boni ausbezahlt. Und Coronahilfen eingestreift. Und was glaubst, wo meine Frau gearbeitet hat?“
Santer kratze sich am Bart. „In einem Möbelgeschäft?“, riet er.
„Bingo!“
Santer griff in seinen Jutesack, holte einen Geldschein heraus, griff sich die leeren Stiefel und besorgte neuen Punsch. Hoffentlich ereilte ihn kein Zuckerschock, er kämpfte ohnehin mit Übergewicht und Diabetes.
„Ich kenn das“, sagte er. „Was glaubst du, wem ich Jahr für Jahr die größten und wertvollsten Geschenke bringen muss?“, fragte er, „denen, die es am dringendsten brauchen?“
„Sicher nicht.“ Robin nahm einen großen Schluck vom Eierlikörpunsch und verzog das Gesicht. „Den Stefans und Renés dieser Welt. Denen das Leben eh schon Zucker in den Arsch geblasen hat.“
Wieder zuckte der Weihnachtsmann zusammen. An diese Sprache würde er sich nie gewöhnen.
„In der Zeitung stand, der Rene“, er sprach es Renne aus, wie damals der Mundl „ist völlig verarmt und seine Mama muss ihm die Miete zahlen?“
Robin lachte. „Genau. 240.000 Euro. Im Monat. Ich hab Probleme, die 850 Euro für unsere kleine Wohnung zu blechen.“
„Ich hab da eine Idee, Robin Wood“, grinste Santer Klaus nach zwei weiteren Stiefelchen, einem mit Ananas-Kokos Punsch und einen Hot Aperol. „Lust auf ein kleines Abenteuer?“
„Klar. Hab ja sonst nichts zu tun.“
„Dann machen wir einen Ausflug nach Tirol.“
*
„Das müsste dir passen“, Santer warf ihm das Weihnachtsmannkostüm seiner Kollegin zu.
„Aber die Villa ist doch sicher bewacht?“ Robin fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. „Das ist doch Diebstahl. Sollen wir das wirklich tun?“
„Hast du nicht erzählt, dass die euch auch beklaut haben? Dass ihr nicht einmal den Lohn für die letzten zwei Monat gekriegt habt?“
„Ja“, meinte Robin, „aber…“
„Vertrau mir. Ein Freund von mir ist Computerspezialist, der hat die Videoüberwachung gehackt. Außerdem fällt so ein Weihnachtsmann am Dach in der Adventzeit nicht auf. Manche Leute stecken sich freiwillig einen aufblasbaren Kollegen in den Rauchfang. Wenn sie uns erwischen, nehme ich es auf meine Kappe. In elf Monaten bin ich sicher wieder aus dem Gefängnis heraußen, und bis dahin hab ich eh nichts vor. Außerdem ist die Beute nicht für uns, das ist vor Gericht sicher ein Milderungsgrund.“
Robin schaute immer noch skeptisch.
„Für mich ist das auch eine Premiere“, sagte Santer. „Bis jetzt hab ich immer Geschenke gebracht, nicht geklaut. Aber wenn die Politik versagt, muss man zur Selbsthilfe greifen. Wenn du nicht möchtest, musst du nicht mitkommen. Du kannst auch Schmiere stehen. Oder nach Hause fahren zu deiner Familie.“
„Ich komm mit“, beschloss Robin.
*
Sie kletterten in einen der vielen Rauchfänge, ließen sich am Seil, das sie zuvor am Dach befestigt hatten, den Kamin hinunter und landeten sanft in der Asche einer offenen Feuerstelle.
„Wow!“, entfuhr es Robin, als er sich in dem riesigen Wohnzimmer umsah. „So etwas hab ich noch nie gesehen.“
„Ja“, sagte Santer und klopfte sich Staub und Ruß von seinem Kostüm, „Geschmack kann man nicht kaufen.“
An einer Wand ein riesiges Porträt eines Tiroler Politikers mit Hut und Hirsch.
Robins Peristaltik rumorte.
„Wart kurz“, sagte er und verschwand hinter einer verzierten Tür. „Ich wollte schon immer in ein goldenes Klo scheißen“.
Santer setzte sich auf die weiße Sofalandschaft und öffnete ein paar Schubladen des Mahagoni-Tisches. Darin war ein Holzkästchen mit Feuchtigkeitsmesser und Thermometer, aus afrikanischem Schwarzholz. Darin Zigarren. Gurkha His Majesty´s Reserve, stand auf dem Etikett. Beim Pubquiz hatte er die Frage nach der teuersten Zigarre der Welt nicht beantworten können. Jetzt hielt er sie in seiner Hand. Aber beim Gedanken, 400 Euro in die Luft zu blasen, wurde Santer schwindlig. Er legte sie wieder in den Humidor zurück.
Robin ließ sich – in doppeltem Wortsinn erleichtert – ebenfalls auf das Ledersofa fallen. „Sogar der Klobesen ist aus Gold“, stellte er fest und schüttelte den Kopf.
„Nimm ihn mit“, schlug Santer vor, „und schenk ihn deiner Frau.“
„Ich hab am Klo nachgedacht. Ein Leben lang würde ich mich schämen vor meinen Kindern. Wir haben nicht viel, aber wir werden über die Runden kommen. Meine Frau hat den Mädels Pullover gestrickt und ich hab Holzspielzeug gebaut.“
„Nomen est Omen“, sagte Santer. „Robin Wood statt Robin Hood.”
„Und jetzt?“, fragte Robin.
„Jetzt gehen wir stiften“, Santer lachte über seinen eigenen Wortwitz. „Wir können die Welt nicht retten. Wer soll noch an mich glauben, wenn sich herausstellt, dass der Weihnachtsmann ein Dieb ist? Ich hab geglaubt, dass es leichter ist, skrupellos zu sein. Aber offensichtlich nicht für unsereins. Und überhaupt – was machen die Hochwasseropfer mit goldenen Schei…“, er biss sich auf die Zunge, „mit goldenen Klobesen und Maßanzügen, die die Mama für den armen Renne ersteigert hat? Tut mir leid, Robin. Meine Idee war eine Schnapsidee. Obwohl nur wenig Schnaps im Punsch war. Ein Riesenstiefel war dieser Plan . Nicht so klein wie der am Christkindlmarkt.“
Robin nickte. Er war ein geschickter und fleißiger Arbeiter, nicht Rächer der Enterbten. Er würde sich einen neuen Job suchen und auch eine finden.
Ein Ehrenamt würde er auch übernehmen, um Menschen zu unterstützen, denen es schlechter ging als ihm. Seiner Frau würde er keinen goldenen Klobesen zu Weihnachten schenken, sondern das, wovon er gerade genug hatte: Zeit.
© Barbara A. Lehner